Tschetschenien auf dem Weg zum Frieden?
Moskau sucht in der Tschechenienfrage die Unterstützung des Westens. Im Rahmen ihrer «Tournee» durch Europa diskutierten die Putin-Berater A. I. Pristawkin und A. A. Aslachanow am 15. März in Dresden
19:00 Uhr im Dresdner Rathaus. Der Besucherandrang will nicht abreißen. Es müssen zusätzliche Stühle in den Saal getragen werden.
Tschetschenien ist das brisante Thema einer Podiumsdiskussion, zu der das Europareferat der Landeshauptstadt und das Deutsch-Russische Kulturinstitut e.V. eingeladen haben. Der Tschetschenienberater des russischen Präsidenten, Aslambek Achmedowitsch Aslachanow, und der namhafte Schriftsteller und Putins Berater für Begnadigungsfragen, Anatolij Ignatjewitsch Pristawkin, haben sich angekündigt, ferner der CDU-Landtagsabgeordnete und ehemalige sächsische Innenminister Heinz Eggert. Als Moderator konnte der Publizist und ausgewiesene Russlandexperte Alexander Rahr gewonnen werden.
Wer auch keinen der Extrastühle mehr ergattern kann, bleibt stehen oder schwingt sich auf einen der Heizkörper. Rund 170 Dresdner - Russen, Deutsche, Tschetschenen - harren erwartungsvoll der Diskussion. Menschen jeden Alters, wobei die Älteren deutlich überwiegen. Die graue Monotonie der Anzüge wird hier und da von Pullovern und karierten Hemden durchbrochen. So mancher Besucher dürfte des prominent besetzten Podiums, der „Stars" wegen gekommen sein - andere haben die Namen Pristawkin und Aslachanow noch nie zuvor gehört, doch das heiße Thema hat auch ihr Interesse erregt. Zumal hier, in dieser Stadt.
Zerfetzte, durchlöcherte Straßenzüge. Eine trostlose Trümmerwüste, aus der leere Kinderaugen starren. Fernsehbilder aus Grosny, der „Schrecklichen". Bilder, wie sie sich den Dresdnern ins Gedächtnis eingebrannt haben, damals, beim eigenen Untergang. Die es doch nie(!), nie wieder geben durfte, nirgends! Intensiver noch als irgendwo sonst werden hier in der Elbestadt die Albträume der tschetschenischen Zivilbevölkerung mit erlitten. - Die offizielle Position des Kreml zu verstehen, fällt hingegen schwer. Es sollte aber wenigstens versucht werden, sich gegenseitig zuzuhören. Auch insofern ist das große Besucherinteresse heute abend ein hoffnungsfroh stimmendes Zeichen.
Die Veranstaltung war längst geplant, als in der Vorwoche die Nachricht von der Ermordung des Rebellenführers und Ex-Präsidenten Maschadow um die Welt ging. Leichte Zweifel: Würden sich die beiden hochrangigen Putin-Vertrauten dennoch in die „Höhle des Löwen" wagen? Nun - sie sind gekommen!
Eine spezielle Spannung liegt in der Frage, welcher Pristawkin hier gleich auftreten wird, und welcher Aslachanow. Zwei Gesandte Moskaus? Oder die kritischen Geister, als die sie sich in der Vergangenheit immer wieder ausgezeichnet haben? Wie werden sie den schwierigen Spagat versuchen?
19:10 Uhr. Alle haben ihren Platz gefunden. Dr. Wolfgang Schälike, der Vorstandsvorsitzende des Deutsch-Russischen Kulturinstituts, eröffnet die Veranstaltung. Dann hält zunächst Pristawkin seine schriftlich ausformulierte Rede unter dem Titel: „Tschetschenien auf dem Weg zu Frieden und Verständigung".
Der Autor spielt auf den 21. Dezember 2004 an, jenen Tag, an dem Präsident Putin auf einer Pressekonferenz in Deutschland von einem „globalen Projekt Tschetschenien - Europa" sprach und politische Verhandlungen mit der Führung Itschkerias unter Vermittlung des Europarates vorschlug: „Der 21. Dezember - das ist in der Natur der Zeitpunkt des Umschwungs. Von da an werden die Nächte kürzer und die Tage wieder heller. Hoffen wir, dass etwas Ähnliches auch mit Tschetschenien geschieht, und dass die schwärzesten Nächte nun hinter uns liegen!"
Offenbar ist der russische Präsident derzeit an einer politischen Lösung des Konfliktes interessiert. Auf ihrer Reise durch Westeuropa - mit weiteren Stationen u.a. in Berlin, Wien und Straßburg - sollen seine beiden Berater wohl ausloten, welchen Beitrag die internationale Staatengemeinschaft dabei leisten könnte. In der Vermittlerrolle scheint sich Moskau in erster Linie die Parlamentarische Versammlung des Europarates vorzustellen.
Dass er noch in einer zweiten Mission unterwegs ist, wird bei Pristawkin deutlich. Die potentiellen Partner im Westen sollen von der russischen Sicht der Dinge überzeugt werden. Dass nicht etwa der Krieg den Terror hervorgebracht habe, sondern umgekehrt: der Terror den Krieg. Dass Russland im Kaukasus eine Schlacht gegen den internationalen Terrorismus schlage, und dies keinesfalls nur im eigenen Interesse: „Die Bürger Russlands durchleben ein tiefes Trauma, und sie verlangen von ihrer Regierung Maßnahmen." Der Erfolg der Maßnahmen sei „entscheidend nicht nur für die Sicherheit Russlands, sondern ganz Europas und der Welt." Mit anderen Worten: Der Westen soll Russland in diesem Kampf unterstützen, statt Kritik zu üben - schließlich sitze man im selben Boot!
Pristawkin spricht von einer „Banden-Internationale", die sich herausgebildet habe. So hätten sich die Geiselnehmer von Beslan aus Angehörigen der unterschiedlichsten Nationalitäten rekrutiert. Bassajew mache gar keinen Hehl daraus, dass sein „Endziel" die Schaffung einer islamischen Republik im Nordkaukasus sei. Finanziert würden die Kämpfer und ihre Waffen aus dem Drogenhandel und mit georgischem Erdöl, und aus Saudi-Arabien kämen - neben Geld - auch noch „ungebetene Gäste" ins Land. „Stellen wir uns vor", zitiert Pristawkin seinen französischen Autorenkollegen Maurice Druon, „was für ein Chaos entstünde, wenn sich die Flammen dieses Brandes in alle islamischen Republiken Asiens ausbreiten würden." (Überhaupt zitiert der Redner mit Vorliebe westliche Persönlichkeiten, die in der Tschetschenienfrage „umgedacht", sprich: sich der offiziellen russischen Sichtweise angenähert haben.)
In seinem erstaunlich „linientreu" wirkenden Beitrag, den er vom Blatt abliest, schwingt auch immer wieder das uralte russische Klischee mit: von den Kaukasiern als ungebildeten Hinterwäldlern mit einem „angeborenen" Hang zur Kriminalität. Pristawkin spricht von „Söldnern", denen es „egal" sei, „wofür und für wen sie kämpfen". Dabei handle es sich um „Arbeitslose ohne Schulabschluss, die dann in irgendeiner benachbarten Republik eine militärische Ausbildung erhalten haben." Und er stellt angesichts gewaltiger sozialer Probleme die Frage: „Was können wir ihnen stattdessen bieten?" Hier offenbart sich etwas Rührendes, Väterlich-Fürsorgliches - aber auch ein Gefühl zivilisatorischer Überlegenheit, wie es einst in den Machtzentren der großen Imperien „kultiviert" wurde.
„Ich mag das Land, dem ich (schon) über fünfzig Jahre meines Lebens verbunden bin.", schließt der Künstler seinen Vortrag. „Ich mag dieses tapfere Volk. Lasst uns ihm gemeinsam mit unseren europäischen Freunden helfen, aus der Asche neu zu erstehen."
Von Pristawkin mit großen Vorschusslorbeeren angekündigt, ergreift nun Aslambek Achmedowitsch Aslachanow das Wort. „Zunächst der Schriftsteller, dann der General", hatte ersterer eine Steigerung angekündigt: „erst die leichte Artillerie, dann die Panzer". Ein für deutsche Ohren eher gewöhnungsbedürftiger Militärjargon...
„Die Geschichte" werde oft „erzählt von Leuten, die ganz weit weg vom Kaukasus leben", meint der Innenexperte. Jedoch, „wenn man die Ursachen nicht kennt, ist es schwer, Schlussfolgerungen zu ziehen". Und so berichtet er „aus erster Hand" über Ereignisse, an denen er vielfach selbst als Akteur beteiligt war.
Was 1991 geschah, sei „Verrat am Volk" gewesen, so Aslachanow. Gorbatschow habe die Sowjetunion erhalten wollen, aber Jelzin ging es um die Macht - selbst wenn er dafür die Einheit des Landes opfern musste. So sei es „mit dem Segen Russlands" auch in Tschetschenien zu separatistischen Bestrebungen gekommen. Es wurden Insassen aus den Gefängnissen entlassen, und es gab riesige Waffenlager. „Ich saß damals im Obersten Sowjet", sagt Aslachanow, „und ich habe den Verteidigungsminister gewarnt: ´Bitte hinterlassen Sie kein einziges Gewehr in der Tschetschenischen Republik!´ Doch dann gab es einen Vertrag, und demnach sind die Waffen in Tschetschenien verblieben."
Aslachanow beschreibt die Leiden des „multinationalen tschetschenischen Volkes" unter der Politik der russischen Oligarchen: „Die Leute wurden aus ihren Häusern rausgeworfen. (...) Viele Ausländer kamen in die Republik. Darunter auch Fanatiker, die ein Schariat schaffen wollten. Aber die meisten wollten nur als Söldner Geld verdienen. (...) Das Volk trug alle Opfer - es opferte auch sein Leben."
Auf Maschadow geht der Redner ebenfalls ein: „Als Abgeordneter bat ich Putin damals, Verhandlungen zu versuchen. Putin hatte auch nichts dagegen, unter folgenden Bedingungen: Erhalt der territorialen Integrität, Abzug aller ausländischen Söldner, und dass Maschadow offiziell mit Bassajew breche. Maschadow war mit fast allem einverstanden, nur auf die Kontakte mit Bassajew konnte er nicht verzichten, und daran scheiterte es." Und als bei der „Nord-Ost"-Tragödie eine Vermittlung durch Maschadow nicht zustande gekommen war, habe Putin beschlossen: „Mit diesem Menschen werde ich mich niemals treffen!"
Der bekannte sächsische Politiker Heinz Eggert greift in die Diskussion ein. Indem er zunächst einmal provokativ fragt: „Sind Journalisten unter uns?" Niemand meldet sich. „Also: Nein. Das war mir klar. Jedes Busenwunder findet bei uns ein größeres Medieninteresse." Wir Deutschen „sollten also bescheiden sein mit Ratschlägen", allerdings: „Russland ist m.E. nicht so stark. Allein, ohne uns, wird es nicht in der Lage sein, dieses Problem zu lösen." Und Eggert fragt: „Muss man nicht das Nächstliegende tun: Korruption und Willkür innerhalb der Armee so stark bekämpfen, dass sie als Verbrechen geahndet werden?!" Und: „Wie kann den Tschetschenen der Glaube an die menschliche Würde zurückgegeben werden?"
Aslachanow entgegnet u.a., dass „nicht nur die Armee korrupt" sei, sondern: „Die Gesellschaft, das Rechtssystem, sind in diesem Land genauso krank." Tschetschenien brauche eine „Diktatur des Gesetzes". Eggert hakt ein: „Aber wir reden doch hier nicht von der tschetschenischen, sondern von der russischen Armee! Und die untersteht ja Putin! - Welche Anstrengungen unternimmt die russische Regierung? - Ich frage das deshalb, weil die westlichen Regierungen Russland ja vermutlich nur dann unterstützen werden, wenn es diese Anstrengungen wagt."
Alexander Rahrs Einladung, sich an der Diskussion zu beteiligen, wird vom Publikum rege angenommen. Die beiden russischen Gäste können die Kraft und Fruchtbarkeit demokratischer Meinungsfreiheit live erleben, jedoch auch ihre absonderlichen Blüten: Die „Bürgerrechtsbewegung Solidarität" hat mal wieder einen ihrer Missionare vorbeigeschickt. Und der NPD-Landtagsabgeordnete Klaus-Jürgen Menzel, eine wahrhaft „schillernde" Figur, brüllt in aggressivem Ton - und immer lauter werdend - in den Saal: Was „der da vorne links" gesagt habe (gemeint ist Pristawkin), sei „großrussische Propaganda" gewesen und „hätte der englisch gesprochen, man hätte glauben können, es sei Bush persönlich".
Die meisten Besucher, die sich zu Wort melden, stellen jedoch wirkliche, ernstzunehmende Fragen - wenngleich das Spektrum äußerst bunt ist und mancher Beitrag durchaus provokant: „Ich würde gern mal wissen, was eigentlich die deutsche Regierung machen würde, wenn Sachsen sich für selbständig erklären wollte..." „Kommt mal eine Zeit, zu der das russische Volk damit einverstanden sein wird, das tschetschenische Volk in die Freiheit zu entlassen?" Ein „Landsmann von Aslachanow" möchte sich „schon im voraus entschuldigen für den Fall", dass er mit seiner Frage „jemanden kränken sollte: Nun haben wir schon seit zehn Jahren Krieg. Ich bin selbst ein Opfer. Könnte man sich vorstellen, dass eine Art „Nürnberger Prozess", oder Den Haag, eines Tages über die Verantwortlichen des Krieges richtet?" Jemand mit einem russischen Namen hat „eine Frage an den General: Will oder kann man Bassajew nicht fangen?" Die Persönlichkeit Sakajews, das Schicksal von Amnestierten, die Korruption - vieles wird thematisiert.
Nicht jede Frage wird erschöpfend beantwortet. Fast unbemerkt sind zweieinhalb Stunden verflogen. Der Moderator bittet die Teilnehmer um ihre Schlussworte. Pristawkin würde gern „die tschetschenischen Kinder, die außer Kalaschnikows nichts anderes mehr kennen, mit den Werten des russischen Humanismus vertraut machen". Eggert befürchtet, dass der Tschetschenienkonflikt, „wenn es in Russland keine Reformen gibt (...) nicht nur ein Jahrhundert-, sondern ein Jahrtausendproblem bleiben" werde. Aslachanow meint, das Problem liege „in Gottes Hand". Und an das Dresdner Publikum gewandt: „Als Vertreter meines Volkes bin ich dankbar über gefüllte Säle mit - an unserem Schicksal wirklich interessierten Menschen!" Diese können wohl einhellig dem Fazit Alexander Rahrs zustimmen: „Wir haben heute abend tiefe Einblicke in die Sichtweise der höchsten russischen Regierungskreise erhalten."
Tomas Werner
Dieser Artikel erschien (leicht gekürzt) in der Zeitschrift „Wostok", Heft 2/2005, S. 77-79