Literaturabend mit dem Übersetzer und Autor Wjatscheslaw Kuprianow mit anschließender Diskussion
23.03.2011 | 19.00 Uhr
Zittauer Str. 29
01099 Dresden
Dû bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen;
verlorn ist das sluzzelîn:
dû muost ouch immer darinne sîn.
Wie überträgt man solch ein Gedicht ins Russische? Und in welches Russisch? Heutiges? In ein Altrussisch aus der Zeit der Kiewer Rus?
Oder Ernst Jandl:
ottos mops kotzt
otto: ogottogott
Kurt Martis Vogellautgedicht:
schpyz: schpyz:
züïd: züïd: tsi: tsi
siiit: siiit: siiit:
spyy-ryy: spyy-ryy:
tsi si dä
tsi si dä
tsi si dä
Das Publikum im Deutsch-Russischen Kulturinstitut durfte gespannt sein, wie sich Wjatscheslaw Kuprianow diesen Herausforderungen gestellt haben mochte.
Nicht zum ersten Mal weilte der in Nowosibirsk geborene Autor in unserem Hause. Doch diesmal las er, das war erfreulich, auch auf Deutsch! Eigene Prosa, Miniaturen und Gedichte. Für einen russischen Poeten eher ungewöhnlich, zeigt sich Kuprianow aufgeschlossen auch freien Rhythmen und Versen gegenüber. Und er versteht es meisterhaft, seine Zuhörer zum Lachen zu bringen, wenn er beispielsweise die Nilpferdisierung des Kommunismus beschreibt.
Im Mittelpunkt des Abends standen diesmal jedoch seine Übersetzungen deutschsprachiger Autoren. Begonnen hatte alles mit dem von ihm hoch verehrten Rainer Maria Rilke. Nach und nach folgten andere Dichter aus neun Jahrhunderten. Goethe. Braun. Grass... Den Extrakt aus fünfzig Schaffensjahren enthält die kleine, aber feine zweisprachige Anthologie „Zarubeshnaja Poezija w Perewodach Wjatscheslawa Kuprianowa".
Streitbar und selbstbewusst präsentierte sich der 71-jährige auch in der abschließenden Fragerunde. Im Internet begegne man zahlreichen anderen Autoren, die Rilke übersetzt haben, „wobei ich muss sagen, nicht immer besser als ich". Den Erfolg Wladimir Kaminers in Deutschland versteht er nicht, dessen Texte seien „nicht interessant, ohne literarischen Gestus". Aber er habe sie doch offenbar gelesen? „Ich habe darin geblättert. Doch wenn ich keinen Stil in dem Buch finde, lese ich nicht weiter, um keine Zeit zu verlieren."
Lehrreich war der Abend überdies. Ist es doch heutzutage für jeden Erdenbürger unabdingbar zu wissen, „wie man ein Krokodil wird"!
Tomas Werner